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Von treuer Freundschaft (Deutschland)

Der Rabe, den die Vögel für einen Weisen halten, sass auf einem Baume des Waldes. Da kam der Vogelsteller, stellte sein Netz, streute Samenkörner darein und ging wieder fort; aber der Rabe fürchtete sich vor dem Netz und versteckte sich in das dichte Laub und ein Schwarm wilder Tauben kam und sah das schöne Gerstenfutter, und setzten sich alle und frassen. Aber das Netz fiel zu und sie waren gefangen und flatterten darin herum. Da sprach die Führerin des Schwarmes: »Es hilft nicht hin und her zu flattern; lasst uns aber versuchen, alle auf ein Mal in die Höhe zu fliegen; vielleicht vermögen wir’s, das Netz mitzunehmen.« Und sie flogen alle zusammen in die Höhe und nahmen das Netz mit sich.

Aber der Rabe hatte alles mit angesehen, wie Einigkeit sie stark machte, und flog in der Ferne nach.

Und die Tauben hatten sich niedergesetzt in ein Fruchtfeld, in der Nähe eines Baumes, und berieten, wie sie aus dem Netze herauskommen möchten. Da sprach eine von dem Schwarm: »Ich habe schon längst Freundschaft geschlossen mit einer Maus, die hier in der Nähe wohnt. Soll ich sie rufen, dass sie das Netz zernage?« Und sie rief nach der Maus. Die kam aus ihrer Höhle heraus und zernagte bald die Schnüre, und die Tauben flogen fröhlich davon und dankten der Maus für ihre Befreiung.

Der Rabe hatte alles mit angesehen und dachte bei sich, ein treuer Freund wäre doch ein grosses Gut; und setzte sich deshalb in die Nähe des Mausloches und rief der Maus, weil er Freundschaft mit ihr machen wollte. Als aber die Maus herauskam und den Raben erkannte, floh sie schnell wieder in ihr Löchlein. Aber der Rabe rief ihr wieder und sagte: »Was fliehst du mich? Willst du nicht meine Freundin werden?«

Und die Maus antwortete ihm: »Nein, das geht nimmermehr an. Denn in Kurzem würde deine angeborne Lust nach meinem Fleische dich unserer Freundschaft vergessen machen, und du würden mich, wie jede andere Maus, auch auffressen. «

 

Das redete ihr aber der Rabe aus, und sie lebten beisammen ohne  Misstrauen und waren zufrieden. Nur sehnte sich der Rabe nach seinem ersten Aufenthalte, denn er fürchtete sich hier vor den vorübergehenden Jägern. Darum sagte er eines Abends zu der Maus, wenn sie nichts dawider habe, so wollten sie wegziehen von diesem Orte, weil es da nicht verborgen genug sei. Er wolle sie an einen viel heimlichern Ort bringen, wo er auch eine treue Freundin habe, die Schildkröte, bei der sie künftig wohnen wollten. Und die Maus war mit dem Vorschlage zufrieden, denn auch ihr war es unheim da, weil eine Katze oft in das Feld kam und ihr nachstellte. Und der Rabe fasste sie mit dem Schnabel bei ihrem Schwänzlein und trug sie durch die Lüfte und setzte sie unter seinem Baume nieder und rief nach der Schildkröte, seiner Freundin. Aber die Schildkröte kam hervor aus ihrem Teiche und freute sich, dass ihr Nachbar wieder da sei, und freute sich, dass er noch eine Freundin, die Maus, mitgebracht habe. Und die Maus grub sich ein Löchlein und wohnten beisammen alle drei in Frieden und Eintracht.

 

Und als sie eines Tages so beisammensassen und vieles plauderten von der Welten Lauf, da kam eilends ein Hirsch gelaufen, der blieb am Teiche stehen und sah sich um. Da floh die Schildkröte in ihr Wasser und tauchte unter, und die Maus verkroch sich in ihr Löchlein. Aber der Rabe schwang seine Fittiche und flog in die Höhe, zu sehen, ob der Jäger den Hirsch verfolge. Er sah aber nichts und kam herunter und sprach zum Hirsch: »Sei ohne Furcht, hier ist keine Gefahr. Noch kein Jäger ist in die Gegend des Waldes gekommen. Wenn es dir hier gefällt, so kannst du hier wohnen. Um den See wächst schönes Futter, und sein Wasser ist frisch zum Trunke.«

 

Und als er dies gesagt, rief er nach der Maus und der Schildkröte, und sie kamen hervor und redeten dem Hirsch auch zu, dass er bleiben sollte. Aber der Hirsch sah umher: das Gras war schön und das Wasser frisch und der Ort sicher vor Nachstellung; er machte sich also eine Lagerstätte aus Laub und Moos und wohnte bei ihnen und sie hielten treue Gemeinschaft miteinander. Eines Abends war aber der Hirsch nicht heimgekommen. Da war seinen Freunden bange, es möchte ihm ein Unheil widerfahren sein; und der Rabe flog aus auf Kundschaft und sah seinen Freund liegen, gefangen in einem Netze. Und er flog zurück und brachte seinen Genossen die Nachricht und beriet sich mit ihnen, wie man ihn befreien möge.

 

Da sprach die Maus zu ihm: »Nimm du mich und trage mich hin, dass ich ihm das Netz zernage.« Und der Rabe trug sie schnell hin und sie nagte an dem Netze. Da kam auch die Schildkröte daher, und der Rabe und die Maus schalten, dass sie gekommen wäre. Und der Rabe sagte: »Wohin willst du denn fliehen, wenn der Jäger kommt? Ich fliege fort, der Hirsch läuft weg, die Maus verkriecht sich, was willst aber du machen? Dein Gang ist langsam, du kannst dich nicht retten.« Und indem der Rabe noch so redete, kam der Jäger schon gegangen, zu sehen, ob er etwas gefangen habe in seinem Netze. Und als er den Hirsch darin sah, freute er sich schon. Allein ehe er noch hinkam, war das Netz schon zernagt, der Hirsch sprang in das Dickicht, der Rabe flog weg, die Maus verkroch sich, aber die Schildkröte stand und zitterte vor Schreck an allen Gliedern.

 

Aber der Jäger ärgerte sich, dass ihm die schöne Beute entgangen war. Um aber doch nicht ganz leer nach Hause zu kommen, nahm er die Schildkröte, wickelte sie in das zernagte Netz und ging weg. Doch die Maus hatte dem allen zugesehen und rief ihre Freunde schnell zusammen und beriet mit ihnen, wie man die Schildkröte wieder befreien könnte. Da schlug der Rabe vor, der Hirsch sollte sich wie tot an den Weg legen, an dem der Jäger vorbeikommen musste, und er wolle auf ihm sitzen, als ob’s ein Aas wäre, von dem er fräße. Wenn das der Jäger sähe, so würde er gewiss sein Netz niederlegen und hinzu gehen. Dann solle der Hirsch aufspringen und langsam hin und her laufen, als hätt’ er ein Gebrechen an dem Fuss, und solle so den Jäger immer reizen und bis an ihn kommen lassen, dann aber immer wieder entspringen, und das so lange, bis die Maus derweile das Netz zernagt und die Schildkröte sich im Walde verkrochen habe. Dann wollten sie auf einmal alle davoneilen.

 

Und wie sie’s beschlossen hatten, so taten sie‘ auch. Der Jäger stellte gleich die Schildkröte hin und eilte den Hirsch nach. Als aber die Schildkröte und das Mäuslein in Sicherheit waren, da sprang derHirsch auf einmal davon und eilte schneller, als der Jäger sich versah, ihm aus den Augen, und kam mit seinen Genossen wieder bei ihrer Wohnung an. Und freuten sich alle, dass sie durch Freundschaft einander gerettet hatten.


Eine unerwartete Freundschaft von Tieren, von denen man nicht erwarten würde, dass sie Freunde werden.

 

Dieses Märchen eignet sich sicher dazu:

- eigene Geschichten von unwahrscheinlichen Freunden zu erfinden

- Vögel beobachten zu gehen

- Vogel- oder Mausfutter herstellen und in der Natur bereit legen

- einen Brief an eigene Freunde schreiben

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MärchenKoffer Nicole Krähenmann  brief@maerchenkoffer.ch