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Einen Sack Reis für drei Strohhalme (Japan)

 Es lebte einmal ein Junge mit seiner Mutter allein in einer einfachen Hütte. Sie waren so arm, dass die Mutter eines Tages zu ihm sprach: «Wir haben nicht mehr genug zu essen. Wenn wir nicht verhungern wollen, musst auch du mithelfen, etwas Geld zu verdienen. Ich kann dir nicht mehr mitgeben als drei Strohhalme. Versuche dein Glück.»

Der Junge nahm die Strohhalme und machte sich auf den Weg.

 

Nach einer Weile kam ihm eine Frau entgegen, die trug viele Lotosblätter auf dem Arm, die wollte sie auf dem Markt verkaufen, Doch es windete so stark, dass ihr die Blätter immer davonwehten, «Wartet!», rief der Junge, «nehmt meine Strohhalme und bindet die Blätter zusammen.» Er reichte ihr die Strohhalme, und sie konnte die Lotosblätter zusammenbinden. «Danke! Das ist sehr lieb von dir, Ich schenke dir dafür eines von meinen Lotosblättern.» Der Junge freute sich sehr und machte sich weiter auf den Weg,

 

Nach einer Weile kam ihm ein Händler entgegen, der verkaufte Bohnenpaste. «Feine Bohnenpaste zu verkaufen, feine Bohnenpaste zu verkaufen!» In diesem Augenblick begann es zu regnen, und der Mann hatte nichts, um die Bohnenpaste vor dem Regen zu schützen. «Hier», rief der Junge, «nehmt mein Lotosblatt, das schützt vor dem Regen.» Der Händler ergriff erfreut das Blatt und legte es über die Bohnenpaste. «Danke, das ist sehr lieb von dir. Ich schenke dir dafür eine Kugel Bohnenpaste.» Der Junge nahm freudig die Bohnenpaste und überlegte: «Soll ich sie jetzt gleich essen oder erst später?» Dann musste er an seine Mutter denken, die hungrig auf ihn wartete, steckte die Bohnenpaste in seine Tasche und ging weiter.

 

Nach einer Weile wurden der Wind und Regen immer stärker, und es wurde auch schon dunkel. Da klopfte er bei einem grossen Haus an die Tür. Als ein Diener öffnete, fragte der Junge: «Bitte, kann ich heute Nacht hier schlafen?»«Komm rein, aber du musst ganz still sein, die Tochter vom Hausherrn ist sehr krank.» Er führte ihn zu einer kleinen Kammer, dort legte der Junge sich hin und schlief.

 

Mitten in der Nacht wurde er von lautem Weinen geweckt. Im Haus herrschte grosse Aufregung, alle liefen hin und her, und der Hausherr sagte: «Ach, wenn wir doch nur ein wenig Bohnenpaste hätten, dann würde meine Tochter wieder gesund!»

Da stand der Junge auf und rief: «Hier, ich habe Bohnenpaste, nehmt sie, damit das Mädchen gesund werden kann.» Dankbar griff der Mann zu der Kugel Bohnenpaste und brachte sie seiner Tochter. Sie wurde augenblicklich gesund, und alle freuten sich sehr.

 

Als sich der Junge am nächsten Tag verabschiedete, sagte der Hausherr: «Das war sehr lieb von dir, dass du uns geholfen hast letzte Nacht. Ich schenke dir dafür einen Sack mit Reis.» Der Junge bedankte sich, nahm den Sack auf die Schultern und schleppte ihn bis nach Hause zu seiner Mutter. Wie freute sie sich, als er heil und gesund zurückkam und sogar noch Reis mitbrachte! Von nun an mussten sie nie wieder Hunger leiden.


Diese kurze Geschichte hat mich überrumpelt und ich habe mich entschieden es ganz spontan in die Liste der Monatsmärchen aufzunehmen. Zuerst erinnerte es mich an das Märchen aus der Sammlung der Gebrüder Grimm "Hans im Glück". Doch dann merkte ich, dass dieses Märchen seinen eigenen Platz verdient hat.

Manchmal gibt es im Leben Momente, in denen man nicht weiss, wie es weitergehen soll. In denen man "nur" noch Strohhalme besitzt und alles auf eine Karte setzt, ohne zu wissen ob es sich lohnt. Dieses Märchen soll uns in jenen Momenten daran erinnern, dass es manchmal einfach Mut braucht. Dass man nicht voraussehen kann, wie aus drei Strohhalmen der ach-so-nötige "Sack Reis" entstehen soll...vertrauen!

 

Dieses Märchen eignet sich sicher dazu:

- es als Kurztheater nachzuspielen

- einen Flohmarkt zu veranstalten

- Reisgerichte zu kochen (z.B. süsse Reisbällchen)

- ein Dankbarkeitstagebuch zu führen: jeden Tag 3 Dinge notieren, für die man dankbar ist

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MärchenKoffer Nicole Krähenmann  brief@maerchenkoffer.ch