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Der Hirsch mit dem zwölfzackigen Geweih (Sibirien)

Vor langer Zeit lebte einmal eine alte Frau gemeinsam mit ihrer Enkeltochter in einem armen Tal. Und obwohl sie beide fleissig arbeiteten, wussten auch sie oft nicht, woher sie ihr tägliches Brot nehmen sollten. Dabei war das Mädchen schön, schön wie die Morgensonne. Aber wer wollte ein so armes Mädchen heiraten? Die Grossmutter dachte hin und her, rief endlich die Enkeltochter zu sich und sprach: «Die Leute erzählen, dass der sein Glück finden kann, der auszieht, es zu suchen. Aber niemand weiss, wohin man sich wenden muss. Geh du, geh, und suche das Glück! Und wenn du es gefunden hast, so vergiss auch die armen Menschen hier im Tal nicht!»

 

Sie nähte ihr Kamusse ( Fellschuhe) für die Füsse, gab ihr an Kleidern und Wegzehrung mit, so viel sie vermochte, und das Mädchen machte sich auf, das Glück zu suchen.

 

Sie wanderte lange durch Wälder und Felder, stieg über hohe Berge und durchquerte breite Flüsse, doch das Glück fand sie nicht. Ihre Kamusse waren längst verschlissen und Dornen verletzten ihre Füsse. Schliesslich gelangte sie an das Meer und wusste nicht, wie sie hier weiterkommen sollte. Sie setzte sich auf einen Stein und weinte.

 

Auf einmal erklang ein Lied, das sie selbst oft gesungen hatte. Sie schaute sich um, doch niemand war zu sehen.

 

«Wer brachte mein Lied hierher?»

 

«Ich brachte es!», antwortete der Wind.

 

«Und wer singt es?»

 

«Ich singe es», antwortete eine Meereswoge leise. «Der Wind trug es uns her und wir Wellen rollen rascher, wenn wir es singen. Es ist ein so schönes Lied! Nimm zum Dank für dein Lied unser Geschenk, es wird dir auf deinem Wege hilfreich sein.»

 

Die Welle rief ihre Schwestern. Schaumgekrönt eilten sie von weit draussen herbei und trugen ein schaumweisses Pferd an den Strand. Dann lag das Meer wieder glatt da.

 

Das Mädchen schwang sich auf das Pferd und hielt sich an seiner Mähne fest. Das schaumweisse Pferd stob nur so dahin und hielt endlich vor einem Berge an. Es stampfte mit seinem Hufe, da öffnete sich der Berg und heraus trat ein weisser Hirsch. Wie mit Sternen übersät glitzerte sein Geweih. Der weisse Hirsch sprach: «Ich kenne dich, Mädchen, und weiss, dass dein Herz ohne Furcht ist. Höre mir gut zu, dann wirst du dein Glück finden. Gehe über diesen Berg und weiter in die Taiga, doch ruhe dich stets nur in der Nacht aus. Dann wirst du zu dem blauen Berge Kuoch Kaja kommen. In diesem Berge haust der schwarze Hirsch. Sein Fell ist dicht, doch noch grösser als die Zahl seiner Haare ist seine Bosheit. Er hat das Glück der Menschen geraubt und hält es in seinem Berg versteckt. Der schwarze Hirsch hat ein zwolfzackiges Geweih, an dem ist ein festes Seil mit zwölf Knoten befestigt, und in diesen Knoten steckt das Glück. Löse die Knoten, Mädchen, auch wenn es dir schwer fällt. Trau nicht dem, was du siehst, und nicht dem, was du fühlst! Versuche, auch beim letzten Knoten wach zu bleiben! Folge nur deinem Herzen und erlöse das Glück!» Damit war der weisse Hirsch verschwunden und mit ihm das schaumweisse Pferd.

 

Doch von Weitem schimmerte ein Licht, als ob es sie riefe. Sie folgte ihm durch spitze Dornen und scharfe Felsen und überquerte den Berg. Dann erlosch das Licht und sie schlief in der Nacht. Am nächsten Tag führte das Licht sie durch die Taiga. Schwärme bösartiger Mücken fielen über das Mädchen her. Doch dann erhob sich ein Wind und trieb die Mücken fort. Schliesslich kam sie zu dem blauen Berg Kuoch Kaja. Eisige Kälte ging von ihm aus. Im festen Gestein zeigte sich ein schwarzes Tor. Sie wollte eintreten, aber ein Rudel grauer Hirsche verwehrte ihr den Eingang. Doch da verwandelte sich das weisse Licht in den weissen Hirsch mit dem glitzernden Geweih. Entsetzt stoben die grauen Hirsche davon. «Weiter darf ich dich nicht begleiten, hier musst du allein eintreten», sagte der weisse Hirsch und verschwand.

 

Im Bergesinneren war es finsterer als in einer Herbstnacht. Sie tastete sich vorwärts, gewahrte endlich ein blinkendes, blaues Licht und gelangte zu dem mächtigen, schwarzen Hirsch. Aus seinen riesigen Augen loderte ein blaues Feuer, schloss er die Augen, versank die Höhle wieder im Dunkel. Der Kopf des Hirsches trug ein zwölfzackiges Geweih. Mit zwölf Knoten war ein starkes Seil daran geknüpft. Der Hirsch stiess ein Brüllen aus, vor dem die Felsen erzitterten. Ihr Herz erstarrte vor Entsetzen, sie stand da, wie gelähmt. Doch dann fiel ihr die Weisung des weissen Hirsches ein. Sie stampfte mit dem Fuss, raffte ihren Mut zusammen und trat vor den Hirsch. Der schloss die Augen und es wurde finster. Sie fürchtete, nun würde er sich auf sie stürzen, doch nichts geschah.

 

Sie streckte die Arme aus und begann, den ersten Knoten zu lösen. Plötzlich durchdrang eisige Kälte ihre Finger, sie erstarrten und konnten sich nicht mehr bewegen. Ihr ganzer Körper wurde zu Eis, nur ihr Herz schlug heiss und heftig. Aber da dachte sie an das Unglück der Menschen in ihrem Tal und in diesem Augenblick-wich die Kälte und ihre Finger lösten den ersten Knoten. Sie gönnte sich keine Ruhe und nahm gleich den zweiten Knoten vor.

 

Da füllte plötzlich ein greller Flammenschein die Höhle. Er blendete die Augen und übergoss sie mit Höllenhitze. Ihre Haut riss und Blut tropfte auf den Steinboden. Aber auch davon liess sie sich nicht schrecken und knüpfte den zweiten Knoten auf. Im selben Augenblick fiel die Hitze von ihr ab. Erleichtert atmete sie auf.

 

Beim dritten Knoten überfiel sie ein furchtbarer Heisshunger, gleichzeitig wurde es in der Höhle hell und neben ihr standen die köstlichsten Speisen. Sie weinte vor Hunger, doch sie dachte an die Worte des Hirsches: «Trau nicht dem, was du siehst») Keinen Blick warf sie mehr auf die herrlichen Speisen, fuhr in ihrem Tun fort, und der dritte Knoten löste sich unter ihren Händen. Der schwarze Hirsch rührte sich nicht. Seine ganze Kraft lag in den Knoten wie auch in den Ängsten und Versuchungen, mit denen er das Mädchen peinigen konnte. Mehr vermochte er nicht.

 

Das Mädchen nestelte unablässig an den Knoten. Zehn waren bereits aufgeknüpft, nun blieben nur noch zwei. «Was werde ich nun noch erdulden müssen?», dachte sie. Beim elften Knoten hörte sie ein zärtliches Kinderlied. Ihre Grossmutter kam auf sie zu und wollte sie umarmen. Doch das Mädchen dachte an die Worte des weissen Hirsches: «Trau nicht dem, was du siehst!»

 

Und auch, wenn es ihr unsäglich schwer fiel, sie wandte sich ab. Da löste sich der Knoten von selbst, und die Grossmutter war verschwunden.

 

Beim letzten Knoten überfiel sie eine grosse Müdigkeit und gleichzeitig stand neben ihr ein weiches Bett. Die Augen fielen ihr zu, der Schlaf wollte sie übermannen, und ihre müden Hände wollten ihr nicht mehr gehorchen. Doch sie erlaubte ihnen nicht aufzuhören und schlafend löste sie den letzten Knoten.

 

Da dröhnte der blaue Berg, die Wände der Höhle wankten und sie fiel wie tot auf den Steinboden. Als sie erwachte und wieder zu sich kam, war über ihr blauer Himmel und die Sonne leuchtete. Sie lag im weichen Gras unweit des Meeres und ein schöner Iüngling beugte sich zu ihr nieder. An seiner Seite wartete das schaumweisse Pferd. Der Jüngling lächelte sie an. «Kennst du mich, Mädchen? Ich war der weisse Hirsch. Der schwarze Hirsch war mein Feind, er verwünschte mich in Tiergestalt und hielt das Glück im Berg gefangen. Doch du hast die Knoten gelöst, du hast auch mich erlöst. Ich liebe dich, willst du meine Frau werden?»

 

Sie streckte die Arme nach ihm aus. Er hob sie auf das weisse Pferd, und gemeinsam ritten sie in das Tal, in dem die Grossmutter wohnte. So kehrte das Glück zu den Menschen zurück.


Wieder einmal ein Märchen aus weiter Ferne! Mir gefällt, wie das Mädchen in die Welt zieht um ihr Glück zu finden. Sie lässt sich dabei von ihrer Intuition führen und schafft es mit ihrer Beharrlichkeit und ihrem Fleiss und gutem Herz den Menschen das Glück zurück zu geben. Und dabei findet sie, ganz unverhofft, ihr eigenes Glück mit dem majestätischen weissen Hirsch.

 

Dieses Märchen lädt dazu ein:

- über Knöpfe (Schwierigkeiten) und deren Lösung zu sprechen

- Licht und Schatten / weiss und schwarz thematisieren und ev. mittels Schattentheater umsetzen

- ans Wasser oder in den Wind sitzen und gemeinsam für die Natur singen

- eigene Fell - oder Filzschuhe für den kalten Winter herstellen

 

 

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