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Das Borstenkind (Rumänien)

 An einem schönen Sommertag sass eine Königin im Garten ihres Schlosses und schälte einen Apfel, und ihr dreijähriges Söhnchen spielte im Sand zu ihren Füssen. Da fiel eine Apfelschale zu Boden. Das Kind griff danach und steckte sie in den Mund. Darüber ärgerte sich die Mutter und schalt: „Ei, dass du doch ein Schweinchen wärst!“ Und mit einem Mal war der Königssohn ein Schweinchen, das quiekte auf und rannte davon, ehe die bestürzte Mutter fassen konnte, was geschehen war.

 

Weit, weit vom Königsschloss entfernt, in einer Hütte am Rand eines kleinen Dorfes, lebte ein altes Ehepaar. Sie waren schon sehr lange miteinander verheiratet, hatten aber keine Kinder bekommen, und so hatten sie in ihrem Alter auch keine Hilfe und mussten sich mit aller Arbeit allein abplagen. Eines Tages nun, nach Feierabend, als der Schweinehirt gerade seine Herde ins Dorf trieb, sassen sie beide auf der Bank vor ihrer Hütte. Da seufzte die Frau und sagte: „Ach, wenn wir doch ein Kind hätten, und wäre es auch so rau und so borstig wie eines dieser Schweine!“ Kaum hatte sie das ausgesprochen, das sonderte sich ein junges Ferkel von der Herde ab, lief auf die beiden Alten zu und schmiegte sich an ihre Beine wie eine schmeichelnde Katze. Und als die Frau ins Haus ging, da folgte es ihr nach und begleitete sie auf Schritt und Tritt. Da erkannte sie, dass ihr Wunsch in Erfüllung gegangen war, und sie hob das Schweinchen auf ihren Schoss, streichelte es und fragte: „Willst du mein liebes Kind sein?“ Und zu ihrem Erstaunen antwortete das Tier mit menschlicher Stimme: „Ja, Frau Mutter, ich will Euer Kind sein!“ Da kann man sich die Verwunderung und die Freude der beiden Alten wohl vorstellen. Die Frau fütterte das Tierchen gleich mit Milch und Semmeln, und der Mann zimmerte ein Bett und tat einen Strohsack hinein, und als das Borstenkind satt war, wurde es niedergelegt und mit einer warmen Decke zugedeckt. Am Morgen freilich war es nicht zu halten. Kaum ertönte das Horn des Schweinehirten, da sprang es auch schon aus dem Bett und lief zur Herde. Am Abend jedoch kam es immer wieder zu den beiden Alten zurück und liess sich von ihnen liebkosen und verwöhnen wie ein Kind. Auch gab es ihnen Antwort auf ihre Fragen und sprach mit ihnen wie ein Mensch. Es wuchs auch nicht so schnell heran wie die gewöhnlichen Schweine, sondern nur langsam wie ein Menschenkind, so dass es siebzehn Jahre dauerte, ehe es zu einem völlig ausgewachsenen Eber geworden war.

 

Zu der Zeit kam einmal der alte Mann vom Jahrmarkt zurück und erzählte seiner Frau, was er in der Stadt gehört hatte. „Der König“, sagte er, „hat verkünden lassen, dass er seine einzige Tochter nur demjenigen zur Frau geben wolle, der drei Aufgaben löst. Und so viele Freier sich auch schon gemeldet haben, bis jetzt ist das noch keinem gelungen.“ Das Borstenkind hatte das mit angehört, und plötzlich richtete es sich kerzengerade auf und sprach: „So geht Ihr mit mir zum König, Herr Vater, und bittet für mich um die Hand seiner Tochter!“ Der Alte erschrak so sehr über diese Worte, dass ihm der Atem stockte. Endlich aber fasste er sich und antwortete: „Wo denkst du hin, mein Sohn? Mit Schimpf und Schande würde man uns davonjagen, wenn uns nicht gar noch Übleres geschähe!“ Aber das Borstenkind liess seinem Vater keine Ruhe. Täglich lag es ihm in den Ohren, grunzte: „Kommt doch mit zum König, Herr Vater! Kommt nur – es wird Euch bestimmt kein Haar gekrümmt! Steht doch nicht meinem und Eurem Glück im Wege!“ Und es bedrängte den Alten so lange, bis der schliesslich mürbe wurde und nachgab.

 

Nachdem sie einen ganzen Tag miteinander gewandert waren, kamen sie gegen Abend in der Hauptstadt an. Als sie vor dem Schloss standen und Einlass begehrten, wollte man aber bloss den Mann einlassen, doch der Eber drängte sich durch alle Wachen hindurch, bis er in der grossen Halle des Schlosses stand. Hier blieb er zurück, und der alte Bauer trat allein vor den König. Lange konnte er kein Wort hervorbringen – schliesslich aber fasste er sich ein Herz und bat für seinen Sohn um die Hand der Prinzessin. „Für deinen Sohn?“ fragte der König und musterte den Alten von oben bis unten. „Fürsten und Könige haben die Aufgaben, die ich ihnen stellte, nicht lösen können – und da will das ein Bauernsohn versuchen? Doch sei’s drum! Er trete ein! Ansehen kann ich ihn mir ja immerhin einmal!“ Der Alte öffnete die Tür, und der Eber stürzte herein. „Was“, schrie der König ausser sich vor Zorn, „du sprachst von deinem Sohn und kommst mit einem Schwein? Ja willst du ich denn verhöhnen?“ – „Dies Schwein ist aber mein Sohn!“ – „So sperre man dich mitsamt deinem Sohn in den finsteren Kerker!“ Die beiden wurden in ein feuchtes, enges Verlies gebracht, in das kein Lichtstrahl fiel, und hier jammerte der Alte und klagte: „Siehst du nun, wohin uns dein Vorwitz geführt hat? Dich werden sie erstechen, und mich werden sie hängen!“ – „Beruhigt Euch doch, Herr Vater, es ist noch nicht aller Tage Abend. Es wird ihnen schon noch etwas Besseres einfallen!“ Am nächsten Morgen liess der König den Bauern holen und sprach: „Ich habe mir die Sache überlegt. Wenn dein Sohn auch nur ein Tier ist, so soll ihm dennoch sein Recht werden. Habe ich doch niemanden ausgenommen, als ich verkünden liess, meine Tochter solle dem Manne gehören, der die drei Aufgaben löst. Wohlan, gelingt das deinem Sohn, so werde er mein Schwiegersohn! Kann er sie aber nicht lösen, so ist dein und sein Leben verwirkt! Geh zu ihm und sage ihm das!“ Man führte den Bauern in den Kerker zurück, und er hatte keine Hoffnung mehr, dem Tode zu entrinnen. Das Borstenkind aber jubelte laut auf, als es vernahm, was der König gesagt hatte, und rief: „Nun wird alles gut, Vater!“

 

Am Abend liess der König den beiden Gefangenen sagen, am nächsten Morgen solle sein Schloss von lauter Silber sein – das sei alles, was er von dem Freier seiner Tochter für diesmal verlange. „O Sohn, Sohn, wie willst du das fertigbringen?“ jammerte der Alte. – „Ei, lasst das nur Knacken und Knarren.“ Dann wurde es still. Als aber der König am nächsten Morgen erwachte, glitzerte und glänzte es um ihn her, so dass er geblendet die Augen schloss. Und als er sie zögernd ein zweites Mal öffnete, das sah er, dass alles – die Möbel, die Wände, die Türen, die Fensterrahmen von lauterem Silber war.

 

,Das ist ihm also gelungen‘, dachte er grimmig. ,Nun gut! Die zweite Aufgabe Abend werde ich so stellen, dass ich sie nicht zu lösen vermag!‘ Am nächsten Abend liess der König sagen, bis zum Morgen müsse seinem Schloss gegenüber, einen Büchsenschuss davon entfernt, ein zweites, ebenso grosses Schloss erbaut werden jedoch nicht aus Silber, sondern aus purem Gold! Auch in dieser Nacht hörte man ein seltsames Knacken und Knarren, doch bald wurde es wieder still. Und als der König am andern Morgen erwachte, strahlte durch sein Fenster ein so heller Glanz, dass er davon fast blind wurde. Doch nachdem sich seine Augen an das Gleissen und Glitzern gewöhnt hatten, erkannte er, dass seinen Fernstern gegenüber ein goldenes Schloss stand. „So ist ihm auch dieses gelungen!“ rief er voller Zorn. „Aber warte nur, Kerl, dir soll schon noch Hören und Sehen vergehen!“ Am Abend liess der König sagen, die dritte Aufgabe sei, von dem einen Schloss zum anderen eine Brücke zu bauen – eine Brücke in einem einzigen, weit sich schwingenden Bogen – eine Brücke ganz aus Diamantkristallen.

 

In dieser Nacht war es der König, der keinen Schlaf fand. Und er hörte ein seltsames Klirren und Klappern – doch bald wurde es wieder still. Und im selben Augenblick war es so hell, als ob es Tag sei. Doch als der König nach der Uhr sah, wusste er, dass die Sonne noch gar nicht aufgegangen sein konnte, und er sprang aus dem Bett und eilte zum Fenster – und richtig: Am Himmel standen noch die Sterne, und die diamantene Brücke strahlte in ihrem eigenen Licht! Nun musste er dem borstigen Freier sein Wort einlösen.

 

Er liess also Frau und Tochter rufen und sagte: „Ihr seht, die drei Aufgaben sind erfüllt. Und unser Kind muss nun die Frau dessen werden, dem es gelungen ist!“ Da war die Königin ganz ausser sich. „Du kannst doch nicht“, schrie sie auf, „deine Tochter einem Eber zur Frau geben, der ihre zarte Haut mit seinen Borsten zersticht! Lass ihn töten! Einem Tier muss man das Wort nicht halten!“ Aber die Prinzessin legte sich ins Mittel. „Was mein Vater gelobt hat“, sprach sie gefasst, „soll nicht gebrochen werden. Ich will es erfüllen – und wenn es mein Leben kostet!“ Da wurde nun der alte Bauer mit seinem borstigen Sohn aus dem Kerker geholt und Hochzeit gefeiert.

 

Doch als das Mahl verzehrt war und die Prinzessin ins Brautgemach geführt werden sollte, weinte die Königin und nahm von ihrer Tochter Abschied, als ob es für immer sei. Und obgleich sich die Prinzessin ihre Angst nicht anmerken lassen wollte, zitterte sie doch am ganzen Leibe, als sie mit ihrem Mann allein blieb. Der Eber aber sprach kein Wort; er wartete, bis ringsum alles still geworden war, dann warf er plötzlich sein Borstenkleid ab, und vor der verängstigten Braut stand ein schöner schlanker Jüngling mit goldenem Haar. „Ich bin eines Königs Sohn!“ sagte er. „Doch wurde ich durch ein unbedachtes Wort meiner Mutter in die Gestalt eines Schweines verwandelt. Und meine Erlösung ist nun in deine Hände gelegt. Bei Tag muss ich noch mein Borstenkleid tragen, und nur wenn wir allein sind, darf ich mich dir zeigen in meiner wahren Gestalt. Du aber musst dieses mein Geheimnis sorgfältig wahren und darüber schweigen gegen jedermann. Dann wird die Zeit unserer Prüfung bald vorüber sein.“

 

Wer war nun glücklicher als die Prinzessin. Sie empfand sogleich eine tiefe Liebe zu dem schönen Menschen, der ihr Gatte geworden war, und selbst als am nächsten Morgen das Horn ertönte und er sich sein Borstenkleid überwarf und zur Herde eilte, gewann die Bangigkeit keine Gewalt mehr über sie. Die alte Königin aber hatte vor Kummer die ganze Nacht nicht schlafen können, und am frühen Morgen ging sie schweren Herzens zum Schlafzimmer des jungen Paares, um zu sehen, ob denn ihre Tochter überhaupt noch am Leben sei. Sie horchte an der Tür – doch drinnen regte und rührte sich nichts. Da fasste sie Mut und drückte auf die Klinke – die Tür sprang auf, und sie sah die Prinzessin allein im Bett liegen. Sie schlief tief und fest, und ihr Gesicht sah so verklärt aus, als habe sie den schönsten Traum.

 

 

Da konnte die Mutter nicht an sich halten, beugte sich nieder und drückte ihr einen Kuss auf die Stirn. Davon erwachte die Prinzessin. „Oh“, rief die Königin, „du lebst, mein Kind? Doch wo ist...?“ (,dein Gatte‘, wollte sie sagen, brachte aber das Wort nicht über die Lippen.) Die Prinzessin verstand sie auch so. „Er ist zur Herde gelaufen“, antwortete sie, aber in einem so beiläufigen Ton, als sei es das natürlichste Ding der Welt. „Oh du Unglückliche!“ seufzte die Königin. „Nein, Mutter, ich bin nicht unglücklich – ich bin sogar sehr glücklich!“ erwiderte die Tochter mit fröhlicher Stimme. Das konnte die Königin nun natürlich nicht verstehen, und die Prinzessin durfte es ihr auch nicht erklären, und so gab es ein langes Hin und Her zwischen ihnen, wobei die Mutter immer lauter sprach und immer mehr Tränen vergoss und die Tochter immer stiller wurde. Schliesslich konnte die Prinzessin die Verzweiflung ihrer Mutter nicht mehr mit ansehen. „Wenn Ihr mir hoch und heilig versprecht“, sagte sie, „niemandem zu verraten, was ich Euch anvertraue, so will ich Euch sagen, wie alles zusammenhängt.“

 

Dieses Versprechen gab die Königin ohne Zögern und bekräftigte es mit ihrem Eid. Und nun erzählte ihr die Prinzessin, was sie in der Brautnacht erlebt hatte: Dass ihr Gatte in Wirklichkeit gar kein borstiger Eber sei, sondern ein wohlgestalteter junger Prinz, und dass er nur noch kurze Zeit bei Tage als Eber herumgehen müsse, jetzt schon aber jeden Abend, ehe er zu Bett gehe, sein Borstenkleid ablegen dürfe. Die Mutter wollte dies alles erst gar nicht recht glauben und meinte, ihre Tochter spreche nur so, um sie zu beruhige. Deshalb schlich sie sich in der Nacht leise ans Schlafgemach des jungen Paares, und da sah auch sie ihren Schwiegersohn in all seiner Schönheit und war nun völlig getröstet.

 

Am nächsten Morgen aber, als der Prinz sein Borstenkleid angelegt hatte und zur Herde gelaufen war, kam die Königin wieder zu ihrer Tochter und sagte: „Nun habe ich herausgefunden, was wir tun müssen, damit du nicht nur in der Nacht, sondern auch bei Tage deinen Mann in seiner vollen Schönheit neben dir behalten kannst. Wenn er am Abend sein Borstenkleid abgelegt hat und fest eingeschlafen ist, nimmst du die Eberhaut und wirfst sie in den Ofen! Ich werde rechtzeitig dafür sorgen, dass tüchtig eingeheizt wird, so dass sie gleich verbrennt. Dann ist er sie los und muss ein Mensch bleiben bei Tage wie bei Nacht!“ Der Prinzessin erschien dieser Rat zwar bedenklich – aber die Mutter verstand es, alle ihre Befürchtungen zu beschwichtigen. Und am Abend, als der Königssohn fest schlief, fasste sich die junge Frau ein Herz und nahm das Borstenkleid und warf es ins Feuer. Hoch auf schlugen die Flammen.

 

Am Morgen als das Hirtenhorn ertönte, wurde der Königssohn munter. Da sprang er aus dem Bett und wollte in die Eberhaut schlüpfen – doch vergeblich suchte er sie. Aus dem Ofen dang Feuerschein, und Böses ahnend, trat er hinzu und erkannte die Reste seines Borstenkleides, das zu Asche verbrannt war und vor seinen Augen zerfiel. „Oh weh“, rief er, vor Schmerz erstarrt, „was hast du getan? Du hast nicht warten, hast nicht schweigen können, und nun bin ich verwünscht ans äusserste Ende der Welt, und nie mehr werden wir uns wiedersehen!“

 

Als die Prinzessin diese Worte hörte, sprang sie von ihrem Lager und wollte sich ihrem Mann an die Brust werfen und ihn nicht von sich lassen. Doch die Stelle, an der er eben noch gestanden hatte, war leer – und der Königssohn war und blieb verschwunden.

 

Da fing die Prinzessin an zu weinen und zu klagen, dass ihr Jammer durchs ganze Schloss schallte. Und als die Mutter herbei gelaufen kam, rief sie ihr entgegen: „Oh Mutter, Mutter, wie schlecht habt Ihr mich beraten! Nun ist mein Gatte verwünscht bis ans äusserste Ende der Welt, und seine Erlösung habe ich vertan! Aber ich will nicht ruhen und rasten, ehe ich ihn nicht wiedergefunden habe, und bei ihm ausharren, selbst wenn er zeit seines Lebens ein Eber bleiben muss!“ „Mein Kind“, sprach da der alte König, der ebenfalls herbeigeeilt war, „was willst du tun? Das Ende der Welt ist gar weit! Du wirst nimmermehr dorthin gelangen!“ Doch die Prinzessin blieb fest.

 

Sie liess sich sieben lederne Kleider anfertigen und sieben Paar eiserne Schuhe, warf sich einen Sack voll Brot über die Schulter, nahm Abschied von ihren Eltern und wanderte in die Welt hinaus. Sie ging und ging, einen Tag um den andern, vom Morgengrauen bis zum Sternenaufgang. Nicht Ruhe und Rast gönnte sie sich, ass im Gehen, schlief unter freiem Himmel und kehrte niemals in einer Herberge ein, um ja keinen Augenblick Zeit zu verlieren. Endlich hatte sie alle menschlichen Siedlungen hinter sich gelassen. Da ging sie noch schneller, denn sie meinte, bis zum Ende der Welt könne es nun nicht mehr weit sein.

 

Nachdem sie einen ganzen Tag durch tiefste Einsamkeit gewandert war, sah sie in der Ferne ein Häuschen stehen. ,Wer in aller Welt‘, dachte sie, ,mag dort wohnen?‘ Sie beeilte sich hinzukommen und klopfte an. Da flog die Türe auf, und ein solcher Luftstoss traf die Prinzessin, dass sie geradezu fortgeschleudert wurde und fast zu Fall gekommen wäre. Es war nämlich niemand anderes als der Wind, der das Häuschen bewohnte. Als er sah, was er angerichtet hatte, tat es ihm leid, denn er erkannte gleich, dass er eine Unglückliche vor sich hatte. „Komm nur herein, mein Töchterchen“, sagte er freundlich, „ich tue dir nichts zuleide!“ Und mit aller Kraft sog er seinen Atem, wieder ein, so dass die Prinzessin ins Haus hereingezogen wurde, als sei sie eine Flaumfeder. Als sie sich von ihrem Schrecken erholt hatte und sah, zu wem sie geraten war, fragte sie: „Ist es noch weit bis zum Ende der Welt?“

 

„Oh, mein liebes Kind, das kann ich dir nicht sagen – bin ich selbst noch niemals bis dahin gekommen! Doch was suchst du dort?“ Da erzählte ihm die Prinzessin ihre Geschichte. „Wie gern möchte ich dir helfen“, sagte der Wind, als sie geendet hatte. „Es gibt aber nur einen einzigen Weg: Schwing dich auf mein Flügelross, und es wird dich zu meinem Nachbarn bringen, dem Mond. Vielleicht kann er dir weiterhelfen. Und wenn du bei ihm angekommen bist, so brauchst du von meinem Ross nur abzuspringen – es findet den Weg zu mir zurück auch allein!“

 

Damit ging der Wind hinaus und holte sein schneeweisses Ross aus dem Stall. Die Prinzessin bestieg es und wollte schon Abschied nehmen und davonreiten, da fiel dem Wind noch etwas ein. „Halt“, sagte er, „ich will dir etwas mitgeben!“ Und er ging ins Haus und brachte in einem kleinen Drahtkäfig ein kupferbraunes Mäuschen an. „Es braucht täglich nur wenige Krümchen Brot. Und kann dir vielleicht einmal nützlich sein!“ Die Prinzessin freute sich über das niedliche Tier und sagte dem Wind einen herzlichen Dank. Dann gab sie ihrem Ross mit dem Zügel ein Zeichen zum Aufbruch, und es erhob sich hoch in die Luft und flog mit Windeseile davon, so dass es gar nicht lange dauerte, bis sie beim Häuschen des Mondes angekommen waren. Hier sprang die Prinzessin ab, und sogleich kehrte das Flügelross zu seinem Herrn zurück.

 

Der Mond hatte schon von weitem die Frau herankommen sehen. ,Das muss eine Unglückliche sein‘, dachte er, und er ging ihr entgegen und fragte sie nach ihrem Begehr. Als er aber hörte, dass sie zum Weltende wollte, antwortete er ihr voller Bedauern: „Den Weg dorthin kenne ich nicht. Denn es ist mir nie in meinem Leben gelungen, bis dahin vorzudringen. Hier hilft nur eines: Ich gebe dir mein Flügelross, und du reitest damit zu meiner Nachbarin, der Sonne. Von allen lebenden Geschöpfen ist sie in der Welt am weitesten herumgekommen. Sollte freilich auch sie dir den Weg nicht zeigen können, so müsstest du wieder umkehren – denn dann gäbe es niemanden, der ihn kennt.“

 

Der Mond holte also sein silbernes Flügelross, und die Prinzessin wollte es schon besteigen und Abschied nehmen, da sagte er: „Halt! Fast hätte ich vergessen: Ich will dir doch noch etwas mit auf den Weg geben!“ Und er holte eine Nuss, die wie Silber glänzte. „Verwahre sie gut“, sagte er, „vielleicht wird sie dir noch einmal von Nutzen sein!“ Nun dankte die Prinzessin dem guten Mond für all seine Freundlichkeit, und dann schwang sie sich aufs Ross und flog damit zur Sonne.

 

Als sie dort anlangte, war es schon Abend. Sie stieg ab, und sogleich kehrte das Tier zu seinem Herrn zurück. Auch die Sonne, die eben von ihrer Tagesarbeit zurückgekehrt war, hatte die Frau schon herankommen sehen. ,Das wird gewiss eine Unglückliche sein‘, dachte sie, und sie ging ihr entgegen und fragte nach ihrem Begehr. „Du armes Kind!“ entgegnete die Sonne. „Wo das Ende der Welt ist, weiss ich allerdings, doch es ist weiter, als ein Mensch es jemals erwandern kann. Aber warte bis morgen früh, dann bringe ich dich selbst hin!“ „Oh, muss ich denn noch warten bis morgen früh? Ich habe das Gefühl, als dürfe ich auch nicht einen einzigen Augenblick mehr verlieren!“ „Nun gut“, meinte die Sonne, „so will ich dir meinen Wagen und meine Rosse geben. Fahre du mit ihnen auf der Nachtbahn, und meine Kinder, die Sterne, werden dir den Weg weisen. Und wenn du beim Abendstern angelangt bist, so ist dein Ziel nicht mehr fern. Dann steige ab, und meine Rosse werden mir den Wagen allein zurückbringen.“

 

Sie holte ihren strahlenden, mit vier goldenen Rossen bespannten Wagen, und die Prinzessin wollte schon aufsteigen, da rief die Sonne: „Halt, fast hätte ich etwas vergessen!“ Sie ging ins Haus zurück und brachte eine Nuss, die glänzte wie lauter Gold. „Verwahre sie gut“, sagte sie, „vielleicht wird sie dir einmal von Nutzen sein!“ Da dankte die Königstochter der guten Sonne für alle ihre Wohltaten, setzte sich in den Wagen und liess sich von den Sonnenrossen am nächtlichen Himmel entlangfahren. Zuerst kam sie zum Morgenstern. Der eilte ihr gleich hilfsbereit entgegen und zeigte ihr den rechten Weg. Und dann traf sie einen Stern nach dem andern, und jeder half ihr weiter, so dass sie schliesslich in kurzer Zeit beim Abendstern angelangt war.

 

Dieser wohnte in einem einsamen Häuschen am Rande des Meeres. Er war eben zu Bett gegangen, als ihn mit einem Mal ein heller Strahl aus dem Schlaf weckte. „Ja, ist denn meine Mutter, die Sonne, nicht erst vor kurzem hier vorbeigekommen?“ rief er aus und rieb sich die Augen. Als er aber im Sonnenwagen die Königstochter sitzen sah, dachte er gleich, das müsse wohl eine Unglückliche sein, und er ging ihr entgegen und half ihr beim Aussteigen. Und kaum hatte die Prinzessin den Wagen verlassen, als die Sonnenrosse auch schon ihren Weg zurück nahmen, damit die liebe Sonne am nächsten Morgen ihre Fahrt ja zur rechten Zeit antreten könne.

 

Als die Prinzessin dem Abendstern ihre Geschichte erzählte, sagte dieser bewegt: „Du bist am Ziel! Siehst du dort drüben in der Ferne, jenseits des Sundes, die Insel? Dort weilt dien Gemahl, und morgen soll er mit der Tochter des Königs vom Weltende Hochzeit halten! Du aber lass den Mut nicht sinken! Ich rudere dich in meinem Kahn hinüber, du stellst dich neben das Tor des Königspalastes, und wenn man dich fortjagen will, weil deine Kleider zerrissen und deine Schuhe zerlöchert sind, so mach die Nuss auf, die dir der Mond geschenkt hat. Das übrige wird sich von selbst ergeben.“

 

Damit band der Abendstern seinen Kahn los, und die Prinzessin wollte sich schon hineinsetzen, da sagte er: „Halt! Nun hätte ich doch fast etwas vergessen!“, ging ins Haus zurück und holte eine Nuss, die war dunkel wie die Nacht und mit glitzernden Kristallen übersät wie der Sternenhimmel. „Bewahre sie gut!“ sagte er. „Vielleicht wird sie dir von Nutzen sein!“ Und dann ruderte er die Prinzessin über den breiten Meeresarm. Da stand nun die arme Frau am Ziel ihrer Reise, und doch war ihr das Herz schwer, als der Abendstern Abschied von ihr genommen hatte und sie von weitem das Schloss des Königs vom Weltende aufragen sah mit seinen feindseligen Zinnen und Türmen und seinen verschlossenen Toren. „Ach“, sagte sie zu sich selbst, „nimmermehr wird man mich dort einlassen in meinen schlechten, zerschlissenen Kleidern, in meinen staubigen Schuhen. Und die Nuss des Mondes – was soll sie mir schon nützen?“

 

Da tat sich mit einem Mal das Burgtor auf, und ein Zug schön geputzter Frauen und Männer schritt heraus. Voran ging ein Brautpaar. Die Braut in ihrem vollen Schmuck sah stolz und herrisch drein, und der Bräutigam an ihrer Seite – ach, der armen Prinzessin krampfte sich das Herz zusammen –, dieser Bräutigam war kein anderer als ihr lieber Mann! Die Braut aber hatte die zerlumpte Gestalt an der Burgmauer ebenfalls erspäht, und sie rief zornig: „Was will dieses Bettelweib hier? Jagt sie fort!“ Der Prinzessin war zumute, als habe sie ein Peitschenschlag getroffen, und sie lief davon, so schnell sie konnte.

 

Als sie aber merkte, dass niemand sie verfolgte, blieb sie stehen, und auf einmal fiel ihr der Rat ein, den ihr der Abendstern gegeben hatte. Da nahm sie schnell die silberne Nuss hervor und brach sie auf. Und siehe, ein Kleid quoll aus ihr hervor, zart wie ein Hauch und strahlend wie silbernes Mondlicht. Das warf sie sich über und ging dem Hochzeitszug nach. Die Braut und der Bräutigam standen vor dem Altar, als die Prinzessin die Kirche betrat. Da hörte die Braut, dass hinter ihr eine Unruhe entstand, sie wandte sich um und erblickte eine fremde Frau in einem Kleid, wie sie noch niemals eines gesehen hatte. Rasch rief sie ihrem Bräutigam zu: „Ehe ich nicht auch ein solches Kleid besitze, will ich deine Frau nicht werden!“ Und bevor er sich dessen versah, verliess sie eilends die Kirche. Die Fremde hatte sich aber in einer dunklen Ecke das Silberkleid wieder abgestreift und es in der Nuss verborgen.

 

Und als der König vom Weltende in seinem ganzen Reich nach einem solchen Kleid suchen liess, war weit und breit keines aufzutreiben. Da liess die Bettlerin der stolzen Königin sagen, wenn sie ihr erlaube, die Nacht im Schlafzimmer ihres Bräutigams zu wachen, so wolle sie ihr ein solches Kleid verschaffen, wie es die Fremde getragen habe. ,Was kann es schon schaden?‘ dachte die Königstochter vom Weltende. ,Nach dieser Zerlumpten wird sich mein Bräutigam nicht einmal umdrehen!“ Sie liess ihm aber doch für alle Fälle einen Schlaftrunk reichen und verstopfte ihm, als er schlief, obendrein noch die Ohren mit Wachs. Dann erst wurde die Bettlerin zu ihm gelassen.

 

Da stand nun die Prinzessin an dem Bett ihres Mannes, um den sie so viel Leid getragen, so viel Mühen und Entbehrungen auf sich genommen hatte – doch er schlief. Sie rief ihn beim Namen – doch er hörte es nicht. Sie rüttelte ihn an der Schulter – doch er wachte nicht auf. Da sank sie in die Knie, legte ihr Gesicht auf das Kissen, auf dem er ruhte, und weinte und klagte: „Ach, willst du ewig schlafen? Sieh, ich bin dir gefolgt bis ans Ende der Welt. Sieben Kleider und sieben Paar Schuhe habe ich zerrissen. Sonne und Mond und Wind und Sterne haben Mitleid mit mir gehabt und mir geholfen! Und du willst mich nicht hören? Oh erbarm dich doch meiner Not um des Kindes willen, das ich unter meinem Herzen trage!“

 

Aber es war alles umsonst, und als der Morgen graute, führte man sie hinaus, ohne dass der Königssohn sich auch nur einmal im Schlaf geregt hätte. Am nächsten Tag ging die Braut an der Seite ihres Bräutigams im silbernen Kleid zur Kirche. Die Bettlerin aber, als sie das sah, öffnete ihre goldene Nuss und holte daraus ein Kleid hervor, das so strahlend leuchtete wie die helle Sonne. Und in diesem Gewand betrat sie die Kirche. Der Geistliche hatte den Segen noch nicht gesprochen, als die Braut auch schon die Fremde erblickte. „Halt ein!“ rief sie dem Priester zu. „Ehe ich nicht ein solches Kleid habe, mag ich nicht die Frau dieses Mannes werden!“ Und raschen Schrittes verliess sie die Kirche.

 

Die Prinzessin aber war bereits vor ihr hinausgegangen, hatte sich schnell das Goldkleid abgestreift und es in der Nuss verborgen, so dass sie in den Bettlerlumpen nicht zu erkennen war. Wieder liess der König in seinem ganzen Reich vergeblich nach einem solchen Kleid suchen, und wieder liess die Bettlerin der stolzen Königstochter sagen: Wenn sie ihr erlaube, noch eine zweite Nacht beim Bräutigam zu wachen, so wolle sie ihr auch dieses Mal ein ebensolches Kleid verschaffen, wie sie es heute bei der fremden Frau gesehen habe.

 

Die Königstochter willigte ein, doch umsonst opferte die Unglückliche auch ihr goldenes Kleid: als sie zu ihrem Gatten hineingelassen wurde, schlief er genau wie am Vortag, schlief wie ein Toter und war durch kein Bitten, kein Flehen, kein Weinen, kein Klagen aufzuwecken. Am dritten Tag ging das Paar wieder zur Kirche. Nun hatte die Braut das goldene Kleid an, und etwas Schöneres konnte sich niemand vorstellen. Die Bettlerin jedoch nahm rasch die Nuss hervor, die ihr der Abendstern geschenkt hatte, und öffnete sie. Da trat ein Kleid zutage, wie es noch nie zuvor ein Mensch gesehen hatte, das war dunkel wie der Nachthimmel, aber über und über mit Diamanten besät, die wie Sterne strahlten.

 

Als sie die Kirche betrat, sprach der Priester eben den Segen. Doch die Braut, die auch diesmal sogleich die Fremde erblickte, unterbrach ihn: „Halt!“ rief sie. „Ehe ich nicht ein solches Kleid habe, will ich diese Mannes Frau nicht sein!“ Wieder suchte man das ganze Königreich ab. Aber ein Sternenkleid war nirgends zu finden. Die Bettlerin aber, die schnell aus der Kirche hinausgegangen war und ihr Kleid in der Nuss verborgen hatte, liess der stolzen Königstochter sagen: Wenn man ihr erlaube, noch eine dritte Nacht im Schlafzimmer des Bräutigams zuzubringen, so werde sie ihr auch ein solches Kleid verschaffen. Die Braut willigte wiederum ein. Doch liess sie dem Bräutigam abermals einen Schlaftrunk reichen und verstopfte ihm die Ohren mit Wachs.

 

In der Nacht kniete die unglückliche Frau ganz verzweifelt am Bett ihres Gemahls und weinte und klagte: „Nun liegst du wieder im Schlaf und hörst mich nicht! Und ich habe nichts mehr, was mich zu dir führen könnte! Ach, wäre ich doch lieber tot und müsste am Morgen die Sonne nicht mehr aufgehen sehen!“ Doch in der höchsten Not fiel ihr plötzlich das Mäuschen ein, das der Wind ihr geschenkt hatte. Sie holte es hervor und sagte: „Mäuschen, liebes Mäuschen, wenn du mir nicht helfen kannst, ist alles verloren!“ Und als habe das kleine Tier diese Worte verstanden, schlüpfte es in des Schlafenden Ohr und nagte die Wachsstöpsel durch. Aber immer noch erwachte der Königssohn nicht. Da biss das Mäuschen ihm so fest ins Ohrläppchen, dass das Blut rann und er mit einem Schrei aus dem Schlaf fuhr.

 

„Ach Liebster“, rief die Prinzessin, „bist du endlich erwacht! Dies ist schon die dritte Nacht, in der ich bei dir bin. Sieh, ich bin dir gefolgt bis ans Ende der Welt. Sieben Kleider und sieben Paar Schuhe habe ich zerrissen! Der Wind hat mich zum Mond gebracht, der Mond zur Sonne. Die Sonne hat mir ihren Wagen geliehen, und der Abendstern hat mich in seinem Kahn übers Meer gerudert! Alle hatten Mitleid mit mir! Ach, erbarme auch du dich meiner, um des Kindes willen, das ich unterm Herzen trage!“

 

 

"Oh du mein liebes Weib“, reif der Königssohn freudig aus, „so war es kein Traumbild, was mich in den beiden vergangenen Nächten so tröstlich umschwebte? Du warst es leibhaftig, du, die ich all die Zeit so schmerzlich vermisst habe? Ja, diene Treue hat mich nun vollends erlöst! Und die hochmütige Königstochter vom Weltende mag sehen, wo sie einen Bräutigam hernimmt, wenn sie morgen in ihrem Sternenkleid zur Kirche gehen will!“

 

Im Schutze der Dunkelheit flohen die beiden aus dem Schloss und kamen unbehelligt bis zum Meeresstrand. Dort wartete auch schon der Abendstern auf sie mit seinem Kahn. Er nahm die Flüchtigen auf und ruderte sie ans andere Ufer.

 

Als die stolze Tochter des Königs vom Weltende am nächsten Morgen ihr prächtiges Sternenkleid angezogen hatte und zur Kirche gehen wollte, war der Bräutigam nirgends zu finden. Vergeblich suchte sie den ganzen Palast nach ihr ab. Schliesslich stieg sie auf den hohen Turm des Schlosses und erspähte von dort den Kahn des Abendsterns, in dem sie die Bettlerin erkannte und auch den Mann, der an ihrer Seite sass. Da nahm sie einen ungeheuren Felsblock und schleuderte ihn den Fliehenden nach. Doch zum Glück traf sie nicht. Der Felsen fuhr dicht hinter ihnen ins Meer, und die Welle, die er aufwirbelte, erfasste den Kahn und trug ihn im Nu zum jenseitigen Gestade. Dort aber hatte die Macht der stolzen Königstochter ein Ende.

 

Als die beiden glücklich Vereinten die Hütte des Abendsterns erreichten, brach gerade der Tag an, und die Sonne begann ihre Arbeit. „Bleibt bei mir“, sprach deshalb der Abendstern, „und ruht euch den heissen Tag über aus. Wenn die Sonne am Abend hier ankommt, wird sie euch auf der Nachtfahrt in ihrem Wagen mitnehmen!“ Gern machten die beiden von diesem Anerbieten Gebrauch. Hatte sich doch die Prinzessin bis zur Stunde weder Rast noch Ruhe gegönnt. In der Hütte des Abendsterns gebar die junge Frau einen Knaben. Der hatte ein Antlitz so silberweiss wie der Mond, Locken, so leuchtend wie die Sonne, und Augen, so klar wie die Sterne. Und das Glück der Eltern war unbeschreiblich.

 

Als die Sonne am Abend ankam, hatte sie grosse Freude an dem wiedervereinten Paar und dem schönen Kind. Sie nahm sie gerne alle drei in ihrem Wagen mit und fuhr auf dem Nachtweg zu ihrer Wohnung. Hier wartete schon der Mond, der gekommen war, von der Sonne Aufträge zu übernehmen. Und auch er freute sich sehr, als er hörte, wie glücklich alles abgelaufen war. „Nimm diese guten Leute mit zu dir nach Hause“, sagte die Sonne, „und übergib sie dort dem Wind, der sie bis zu den ersten Wohnungen der Menschen geleiten soll!“

 

So ritten sie alle auf dem starken Ross des Mondes bis zu dessen Haus, wo auch schon der Wind wartete, um vom Mond Befehle zu empfangen. Wie freute er sich, als er die Königstochter so wohlbehalten wiedersah und hörte, wie alles abgelaufen war. „Aber wenn mir nicht zuallerletzt dein Mäuschen so gute Dienste geleistet hätte, wäre alles vergeblich gewesen!“ sagte die Prinzessin. Darüber war der Wind ganz besonders erfreut, und er hob die drei auf sein Ross, und hui ging‘s durch die Luft dahin, dass sie Mühe hatten, sich festzuhalten. Endlich sahen sie unter sich die ersten Menschenwohnungen. Da setzte der Wind die Glücklichen sanft auf einer Wiese ab, nahm herzlich Abschied von ihnen und ritt heim.

 

Sie aber wanderten zu Fuss weiter und trugen abwechselnd das Kind auf den Armen. So kamen sie endlich zurück in das Königreich, in dem der Vater der Prinzessin herrschte. Da entstand ein ungeheurer Jubel im ganzen Lande. Wie gross aber die Freude des alten Königs und der Königin war, das könnt ihr euch sicher denken!

 

Hering, Elisabeth: Kostbarkeiten aus dem deutschen Märchenschatz, Berlin 1980


Was für ein reiches Märchen. Es gefällt mir deshalb so gut, weil es eines der wenigen Märchen ist, in dem nicht nur der Weg des Helden (Borstenkind), sondern auch der Weg und die Entwicklung der Prinzessin aufgezeigt wird. So waren früher einige Märchen aufgebaut. Doch weil sie dann "zu lange" waren, wurden etliche gekürzt.

Es ist wunderschön zu sehen, wie sie beide eine Entwicklung durchmachen, um sich am Ende zu finden und glücklich sein zu können!

Diese Geschichte gefällt vielen Kindern, ist aber genau so interessant für uns Erwachsene.

 

Und die Geschichte eignet sich sicher:

- Äpfel zu schälen und zu essen, in welcher Form auch immer

- eine Modeshow zu veranstalten mit dem Thema "Sonne, Mond und Sterne"

- einen Pustewettbewerb mit Watte veranstalten zu Ehren des Windes

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MärchenKoffer Nicole Krähenmann  brief@maerchenkoffer.ch