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Die Blumenprinzessin (verfasst von Nicole Krähenmann)

Es lebte einmal ein junger Mann mit seinem Vater in einem kleinen Haus mit einem grossen Garten. Sie lebten ein gutes Leben zusammen. Der Garten war beiden wichtig und als der Vater nicht mehr so viele Arbeiten erledigen konnte, hat der Sohn diese selbstverständlich übernommen. Er machte diese Arbeit gerne und sorgte dafür, dass es allen Pflanzen, Blumen und Tieren im Garten gut ging. Und wenn er nicht im Garten gearbeitet hat, dann konnte er stundenlang alle Lebewesen darin beobachten und kannte sich gut aus.

 

Im Garten gabe es auch einen einzigen Lilienstrauch mit wunderschönen weissen Blüten. Dieser Lilienstrauch war beiden – besonders aber dem Vater – sehr wichtig. Denn Lilien waren die Lieblingsblumen seiner verstorbenen Frau gewesen. Jedes Jahr freuten sich Vater und Sohn sehr darauf, dass die Lilien endlich blühten und dieser Anblick gab dem Vater jeweils viel Kraft für den Rest des Jahres.

 

An dem Tag, an dem diese Geschichte beginnt, ging der Vater in den Garten und wollte sich zum Lilienstrauch setzen. Aber als er ankommt, da erschrak er sehr. Obwohl es am Vortrag noch viele Blüten am Strauch gehabt hatte, sah man genau, dass irgendjemand Blüten abgezwickt hatte. Der Vater wurde krank vor Sorge um seinen geliebten Lilienstrauch.

 

Auch am nächsten und übernächsten Tag fehlten immer mehr Blüten am Strauch und mit jeder Blüte, die fehlte, ging es dem Vater schlechter, bis er nicht mehr aus dem Bett aufstehen konnte.

 

Als der Sohn bemerkte, dass es nur noch zwei Blüten am Strauch hatte, bekam er grosse Angst. Was würde mit dem Vater passieren, wenn auch diese Blüten gestohlen würden? Er nahm sich vor, den Blütendieb zu schnappen und seinen Vater zu retten.

 

Und so setzte er sich in den Garten. Die Zeit verging und er schlief immer wieder kurz ein. Dann aber, kurz vor Mitternacht, hörte er etwas. Leise schlich er sich näher zum Lilienstrauch. Und dann sah er, wer der Dieb war. Auf dem Lilienstrauch sass ein goldener Vogel und zwitscherte fröhlich. Dann nahm er frech eine der zwei verbliebenen Blüten in den Schnabel und riss sie ab.

 

Dann flog der Vogel mit der Blüte im Schnabel in die dunkle Nacht hinaus.

 

Der junge Mann wusste, dass er den Vogel einfangen musste, bevor es diesem gelang auch noch die letzte Blüte zu stehlen und so ist er dem Vogel, ohne zu zögern gefolgt.

 

Der Vogel flog und flog und der junge Mann rannte ihm nach. Aber der Vogel war so schnell, dass er ihn irgendwann aus den Augen verlor.

 

Da stand er nun, in völliger Dunkelheit und wusste nicht mehr, wo er war. Und weil er nicht wusste, was er sonst hätte tun sollen, ging er weiter.

 

Irgendwann, da sah er ein Licht und als er näherkam, bemerkte er, dass das Licht aus einem Haus kam. Er klopfte an die Tür und wurde eingelassen. In dem Haus lebte aber die Sonne. Die Sonne war zuerst wütend, dass jemand sie mitten in der Nacht geweckt hatte, aber dann wollte sie doch wissen, was der junge Mann überhaupt suchte und er erzählte der Sonne alles. Die Sonne meinte: «Ich habe den goldenen Vogel noch nie gesehen. Aber ich habe auf meiner Reise von einem goldenen Vogel gehört, der in einem verwunschenen Schloss lebt. Dieses Schloss kann nur von demjenigen gefunden werden, der weiss, wo es steht.»

 

«Das mag ja sein mit dem verwunschenen Schloss», meinte der junge Mann, «Aber ich will einfach nur wissen, wohin der goldene Vogel verschwunden ist, damit er keine Lilienblüten mehr stehen kann und es meinem Vater bald besser geht!»

 

Die Sonne nickte: «Dann frag doch den Mond. Der sieht alles, was in der Nacht passiert, wenn ich schlafe.» Und die Sonne erklärte ihm, wie er das Haus das Mondes finden konnte. Er bedankte sich bei der Sonne, verabschiedete sich und ging los.

 

Er ging und ging, bis er nach langer Zeit wieder zu einem Haus gekommen ist. Gerade als er anklopfen wollte, ist der Mond aufgetaucht, der nach seiner langen Reise nach Hause gekommen ist.

 

Der junge Mann erzählte dem Mond, weshalb die Sonne ihn hierhin geschickt hatte und fragte, ob der Mond den goldenen Vogel gesehen habe. Der Mond nickte und meinte: «Ich kenne den goldenen Vogel. Er ist immer nur in der Nacht unterwegs. Aber ich weiss nicht, wo er lebt.» Der Mond dachte nach: «Vielleicht weiss das aber der Wind. Der ist ein guter Freund aller Vögel. Warte doch schnell hier, der Wind kommt hier jeden Moment vorbei!»

 

Und tatsächlich dauerte es gar nicht lange, da hörten sie den Wind schon. Der Mond erzählte dem Wind alles und der Wind lächelte nur und meinte: «Ich weiss genau, wo der goldene Vogel lebt und kann dich dort hinbringen.»

 

Und so verabschiedeten sie sich vom Mond und sind gemeinsam weitergezogen. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als der Wind endlich stehenblieb.

 

«Hier ist das verwunschene Schloss. Von hier kommt der Vogel jede Nacht und hierhin verschwindet er, bevor der neue Tag beginnt.»

 

Der junge Mann schaute sich verwirrt um: «Ich sehe kein Schloss, Wind!»

 

Da gab ihm der Wind lachend einen Stoss und er stolperte ein paar Schritte vorwärts.

 

Im nächsten Moment sah er vor sich ein grosses Schloss.

 

Alles war still. Mutig schritt er durchs Schlosstor und … stand plötzlich auf weichem Gras.
Hinter den Schlossmauern hatte es einen riesigen Garten mit vielen Blumen und Bäumen.

 

Er zog seine Schuhe aus, weil er das weiche Gras unter seinen Füssen spüren musste und barfuss ging er weiter. Plötzlich spürte er ein Kribbeln in seinen Füssen und als er hinunter sah, bemerkte, er dass immer dort, wo seine Füsse das Gras berührt hatten kleine Blumen in allen Farben gewachsen sind. Staunend ging er weiter.

 

Er kam immer tiefer in den Garten hinein, bis er in der Mitte eine grosse Tafel fand, auf der geschrieben stand:

 

Dieses Schloss das ist verflucht,
durch einen Zauber, einen bösen
Schon viele haben’s versucht,
Aber niemand konnte es erlösen.

 

Die Prinzessin trägt Flügel in der Nacht
doch finde heraus, welche Blume sie am Tage ist.
Sonst wirst du Teil dieser Gartenpracht.
Unsere letzte Hoffnung du noch bist!

 

 

Als er die Tafel gelesen hatte, a verstand er, dass alle Menschen dieses Schlosses in Blumen verwandelt worden waren. Ebenso alle, die versucht hatten das Schloss zu erlösen und gescheitert waren. Und er verstand ebenso, dass die Aufgabe darin lag, herauszufinden, welche Blume im Garten die Prinzessin dieses Schlosses war.

 

Aber eigentlich wollte er ja nur den goldenen Vogel finden und seinen Vater retten. Und so suchte er im Garten nach dem goldenen Vogel, konnte ihn aber nirgends entdecken.

 

Da fiel ihm plötzlich ein, dass die Sonne gesagt hatte, dass sie den goldenen Vogel noch nie gesehen hätte und der Mond ihn nur des Nachts beobachtet hatte. Deshalb wartete er im Garten, bis die Sonne untergegangen war.

 

Kaum war die Sonne untergegangen, da hörte er den Vogel zwitschern. Er folgte dem Geräusch und sah den goldenen Vogel auf der Tafel sitzen.

 

Als er näherkam, flog der Vogel nicht weg, sondern sah den jungen Mann nur mit traurigen Augen an. Da las er die Tafel noch einmal und er verstand.

 

«Bist du die Prinzessin dieses Schlosses?», fragte er.

 

Der Vogel nickte.

 

«Am Tag bist du eine Blume und in der Nacht der goldene Vogel?»

 

Der Vogel nickte wieder.

 

«Versprichst du mir, dass mein Vater gesund wird, wenn ich dieses Schloss erlöse?»

 

Der Vogel nickte ein letztes Mal und flog dann davon.

 

In dieser Nacht betrachtete der junge Mann jede einzelne Blume des Gartens ganz genau und der Mond leuchtete für ihn.

 

Er sah wunderschöne Rosen und dachte daran, dass man die Rosen die «Königin der Blumen» nennt. Dann entdeckte er einen Lilienstrauch, einen ganz ähnlichen wie der, welcher zuhause in seinem Garten stand. Ob der Vogel ihm damit einen Tipp hatte geben wollen?

 

Er ging hin und her und überlegte bei jeder Blumenart, ob dies vielleicht die Prinzessin sein konnte. Und wo immer er hinging wuchsen Blumen unter seinen Füssen.

 

Irgendwann wurde er so müde, dass er im Garten eingeschlafen ist. Als ihn die ersten Sonnenstrahlen weckten, merkte er, dass er vom Tau ganz feucht geworden war und auch das Gras neben ihm nass war.

 

Da kam ihm eine Idee und er ging noch einmal durch den ganzen Garten. Er nahm jede einzelne Blume in die Finger und schaute sie genau an. Irgendwann ist er auch zu einem Feld Sonnneblumen gekommen. Diese waren so gross, dass sie auf alle anderen Blumen herunter blicken konnten und es war ihm, als ob sie den Garten beschützen würden.

 

Er hat sich jede Sonnenblume genau angeschaut. Da fiel ihm auf, dass eine der Sonnenblumen trocken war. Unberührt von Tau.

 

Da begann er zu lächeln und sagte laut: «Die Prinzessin ist diese Sonnenblume, die trocken ist. Sie war die ganze Nacht als Vogel unterwegs und deshalb hat der Tau sie nicht berührt.»

 

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, da erklang eine wunderschöne Musik und schon im nächsten Moment befanden sich im Garten viele Menschen, die wieder ihre wahre Gestalt zurück erhalten hatten.

 

Vor dem jungen Mann aber stand die Prinzessin und strahlte ihn an wie eine Sonnenblume. Sie bedankte sich bei ihrem Retter und bat ihn, kurz zu warten.

 

Als sie zurück kam, trug sie eine goldene Lilienblüte in der Hand und erklärte ihm, dass er diese Blüte seinem Vater bringen solle. Und wenn sein Vater wieder gesund sei, sollen sie gemeinsam zurück zum Schloss kommen. 

 

Der junge Mann bedankte sich und machte sich so schnell er konnte auf den Heimweg. Zuhause angekommen brachte er die goldene Lilienblüte seinem Vater ans Bett. Als sein Vater ihren Duft einatmete, da ging es ihm wieder besser.

 

Kurze Zeit später kamen Vater und Sohn wieder zum Schloss. Und nun wurde ein grosses Fest gefeiert. Man feierte die Erlösung und dass der junge Mann, alle gerettet hatte. Er wurde gefragt, wie man ihn belohnen könne, aber er hatte nur einen Wunsch: Sein grösster Traum war es, im Schlossgarten arbeiten zu dürfen.
Und so schenkte ihm die Sonnenblumenprinzessin ein Haus auf dem Schlossgelände, in das er mit seinem Vater einziehen konnte und er wurde der neue Schlossgärtner.

 

Und unter seiner Pflege wurde der Garten von Jahr zu Jahr schöner. Es gab viele verschiedene Blumen in dem Garten und er freute sich an allen. Aber am glücklichsten war er, wenn er mit seinem Vater neben einem Lilienstrauch sass und den Vögeln zuhörte.

 

Wenn du das Märchen "Die Blumenprinzessin" öffentlich vorlesen/abgeben willst, bitte ich dich um Kontaktaufnahme mit mir.
Denn anders als bei den Volksmärchen liegen die Rechte dieser Geschichte bei mir. Danke!


Ja, wieder einmal ein Märchen aus meiner Feder. Ein Kunstmärchen also. Ich habe im Jahr 2020 sehr oft im Garten gearbeitet und die Blumen haben mich durchs Jahr begleitet. Im Sommer hatten wir wunderbare Sonnenblumen, welche mich zu dieser Geschichte inspiriert hatten.

Ich hoffe sie gefällt dir/euch.

 

Bestimmt eignet sich diese Geschichte dazu:

- barfuss durch einen Garten zu gehen

- auf einer Wiese zu liegen mit einem Gänseblümchen im Mund und den Vögeln zuzuhören

- einen Blumenstrauss aus Sommerblumen herzustellen

- Sonnenblumenkerne zu pflanzen und staunend abzuwarten, wie gross diese werden können

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MärchenKoffer Nicole Krähenmann  brief@maerchenkoffer.ch