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Die redenden Tannen (Finnland)

Es war einmal ein Jäger, der ging einst mit seinen zwei Hunden in den Wald und jagte drin einen ganzen Tag lang. Dabei war er so tief ins Gehölz gedrungen, dass er sich im Dunkel des Abends nicht mehr zurechtfinden konnte; er beschloss die Nacht im Walde zuzubringen und erst am Morgen heimzukehren. Mit diesen Gedanken ging er an den Stamm einer grossen Tanne, machte daneben ein Feuer, um sich zu erwärmen, und legte sich daran zur Ruhe nieder. Er fühlte sich recht behaglich und war bereits im Einschlafen, als er jemand sprechen hörte. Auf der Tanne, vor deren Stamm das Feuer brannte, befand sich eine grosse Schlange, welche hinunterverlangte und den Mann um Hilfe bat, da sie des Feuers wegen sich nicht getraute hinabzugleiten. Der Mann verwunderte sich, dass die Schlange in Menschensprache redete, aber er erwiderte doch: »Ich kann dich nicht herunterlassen, du würdest mich verschlingen.« – »Ich verschlinge dich nicht, Brüderchen!« versicherte die Schlange. »Wenn du mir hinunterhilfst, werde ich dich alle Sprachen lehren, aller Vögel, Bäume und aller Tiere.« – »Nun, wie soll ich dir denn helfen?« fragte der Mann. – »Fälle einen grossen Baum und lehne ihn an die Tanne, dann gleite ich an ihm hinunter«, belehrte ihn die Schlange. Der Mann, dem der Lohn gut dünkte, war es zufrieden; er lehnte einen Baum an die Tanne und liess die Schlange daran herunterkommen. Als diese unten war, lehrte sie aus Dankbarkeit den Mann alle Sprachen, die es auf Erden geben mag, die der Vögel, der Bäume, aller Tiere und Pflanzen; aber sie verbot ihm streng es jemandem zu erzählen; nicht einmal der eignen Frau dürfte er die Sache erzählen, sonst müsste er auf der Stelle sterben.

Nachdem der Mann die Sprachen alle gelernt hatte, und die Schlange fortgekrochen war, legte er sich wieder am Feuer zur Ruhe und wollte einschlafen. Aber nach kurzer Zeit hörte er wieder sprechen. Die Hunde hielten zu den Füssen ihres Herrn Wache und der eine sagte zu dem andern: »Bleibe du hier bei unserm Herrn, bewache ihn gut, sonst kommen die Wölfe in der Nacht und fressen ihn. Ich muss nach Hause eilen, denn es könnten dort Diebe einbrechen, wenn man kein Gebell hört« – »Gut, geh nur, Kamerad, gehe!« antwortete der andere. »Behüte du das Haus, ich werde schon den Herrn bewachen!« Der Mann, der alle Sprachen gelernt hatte, verstand auch die Worte der Hunde ganz gut und dachte: »Ihr habt mehr Verstand, als ich euch zugetraut hätte!« Er schickte den einen Hund nach Hause, wie der es selbst gewünscht hatte, und legte sich dann auf die Seite, um endlich einzuschlafen, denn er war herzlich müde. Bald fielen ihm die Augen zu, und er hoffte in Schlaf zu sinken, wie es ja auch geschehen wäre – was hätte ihn daran gehindert? Aber sein Gehör war in der Schule der Schlange so scharf geworden, dass er jedes Geräusch vernahm. Er hörte plötzlich ein eigentümliches Rauschen im Walde und verstand deutlich, wie eine Tanne im Windesrauschen zu derjenigen sagte, an deren Stamme er lag: »O Gefährtin, komm zu mir, denn ich muss bald sterben! Komm zu meinem Begräbnis!« – »Sieh, ich kann nicht, Schwesterherz, vergib mir!« antwortete die andere. »Ich habe einen Schlafgast an meinem Stamme.« – »Ach, komm trotzdem, komm!« schrie die Tanne drei Mal; aber die andere kam dennoch nicht zu ihr. Da, nach dem dritten Rufe, brach die Tanne krachend zusammen, sodass der ganze Wald erdröhnte. Aber die andere Tanne, unter welcher der Mann sein Nachtfeuer gemacht hatte, sagte, als sie die Gefährtin fallen sah: »Nun bist du dahin, alte Freundin! Auf Schätzen hast du dein Leben lang gestanden und auf Schätze bist du gefallen!« Der Mann hörte auch dieses noch deutlich; aber wie es nun im Walde still wurde, übermannte ihn der Schlaf und er schlief am Feuer ein.

 

Nun, ein Jäger gibt sich nicht lange Zeit zu ruhen; als der Tag anbrach, machte sich der Mann zum Weitergehen bereit; da fiel ihm plötzlich ein, was die Tannen in der vorhergehenden Nacht gesprochen. – »Habe ich einen Traum gehabt, oder was mag es sein?« dachte er bei sich. »Ich muss doch einmal nachsehen, welche Schätze unter der Tanne liegen mögen!« Mit diesen Gedanken ging er dorthin, woher er in der Nacht das Krachen gehört hatte, und wanderte lange im Walde herum, bis er an die gestürzte Tanne kam. Hier fand er das in der Nacht Gehörte bestätigt: an der Wurzel der Tanne lag ein grosser Goldschatz, und unter dem Gipfel ein schwarzer glänzender Fuchs. Der Mann nahm alles mit und wurde auf diese Weise sehr reich. – »Nun, ich könnte mir wohl ein Frau nehmen, da ich genug zu leben habe«, dachte er in seinem Sinn, und fand eine so schöne junge Frau, wie 's nicht viele auf Erden gibt. Mit ihr lebte er glücklich in seinem Hause, und sie hatten alles vollauf; aber dem Manne ward die Zeit zuletzt doch lang, da er nichts zu thun hatte.

So sass er auch an einem Morgen untätig am Fenster seiner Stube und sah hinaus, wie das Wetter so klar und schön war. Er konnte weite Felder übersehen, und vor dem Fenster lag ein kleines Flachsland, über welchem kleine Vögel hin und herflogen. Mit den andern kam auch ein Spatz mit seinen Jungen herangeflattert, um Leinsamen zu fressen, und da die Jungen noch ungewohnt waren, liessen sie sich auf die Erde nieder und pickten dort die Körnchen auf. Da belehrte sie die Alte und sagte zu ihren Jungen: »Kinder, fresst nicht von der Erde, pickt doch von den Zweiglein. Was auf die Erde fällt, bleibt uns ja, aber die Pflanzen trägt man fort.«

Als der Mann solches hörte, fing er an zu lachen; seine Frau, dieeben Kuchen in den Ofen schob, hörte es und fragte: »Worüber lachst du denn, du Schelm? Siehst du etwas Sonderbares an mir?« – »Ich lachte nur so vor mich hin; den Grund kann ich dir nicht sagen, aber es betrifft dich gar nicht«, antwortete der Mann. Doch die Frau fing an den Mann zu quälen, fiel ihm um den Hals und flehte: »Sage doch, worüber du gelacht hast!« Der Mann konnte sich ihrer zuletzt nicht mehr erwehren und sagte zu ihr: »Bringe mir erst saubere Kleider, dann sage ich es dir.« Gut, die Frau brachte dem Manne Kleider, er zog sich um und streckte sich dann auf der Bank lang hin. Im Stalle waren fünfzig Hennen und ein Hahn; da sagte der Mann von seiner Bank aus zu seiner Frau: »Lass die Hühner frei, dass ich sie noch einmal in dieser Welt sehe, bevor ich sterbe.« Er hatte sich nämlich darein ergeben zu sagen, warum er gelacht hatte, und er wusste, dass er dann sterben müsste; aber die Frau glaubte, dass der Mann nur Scherz treibe, weil er sonst auch ein lustiger Kauz war. Sie that deshalb, wie ihr der Mann geheissen, und liess die Hühner in die Stube. Als der Hahn mit seiner Schar auf dem Fussboden stand, blähte er sich zwischen seinen Hennen auf und sagte stolz: »Kok–koko–ko, koo–kokok! seht, ich habe fünfzig Hühner und doch alles im Griff; mein Hausherr hat dagegen nur eine, und auch diese kann er nicht zügeln; deshalb muss er jetzt sterben!« Der Mann, der alle Sprachen konnte, verstand auch die Worte des Hahnes und fand plötzlich seinen Entschluss überaus töricht. »Es ist wohl noch Zeit genug ans Sterben zu denken!« dachte er in seinem Sinn, sprang plötzlich von seiner Bank auf die Füsse und schrie seine Frau an: »Was stehst du hier so müssig? Deine Kuchen brennen an; schnell an die Arbeit, sonst kriege ich dich beim Schopf!« Zugleich griff er lachend nach dem Zopf der Frau; aber diese flüchtete eilig. So blieben die Worte des Mannes ungesprochen und er selber blieb am Leben. Die Frau fragte fortan nie mehr nach unnützen Dingen und so lebten sie denn immer glücklich beisammen und nie mehr kam ein Streit zwischen ihnen auf. – Somit endet die Geschichte.


Für das Monatsmärchen Dezember habe ich dieses Mal eine Geschichte aus Finnland gewählt. Es ist ein Märchen, das zum Schmunzeln anregt und das können wir doch auch gerade in der Adventszeit sicher gut gebrauchen. Wie spannend zu überlegen, was uns Pflanzen und Tiere sagen würden, wenn wir sie verstünden?

 

Dieses Märchen eignet sich meiner Ansicht nach  um:
- Tiere und pflanzen zu beobachten und überlegen was sie zu erzählen hätten

- einen Schatzsuche zu veranstalten (ja, das ist auch im Schnee möglich)

- Kuchen zu backen

- einen Film oder Fotos von Finnland anzusehen

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MärchenKoffer Nicole Krähenmann  brief@maerchenkoffer.ch