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Im Tempel der tausend Spiegel (Indonesien)

Einmal hatte ein Hund von einem ganz besonderen Tempel gehört: Es war der Tempel der tausend Spiegel. Der Hund wusste nicht, was ein Spiegel war, aber es sollte etwas Besonderes sein.

Und so machte er sich auf den Weg — zum Tempel der tausend Spiegel.

 

Viele Tage, viele Wochen war er unterwegs. Endlich stand er vor dem geheimnisvollen Tempel.

Er lief die Treppen hinauf, öffnete das Tor und trat ein. Da sahen ihm aus tausend Spiegeln tausend Hunde entgegen. Und er freute sich, und er wedelte mit dem Schwanz.

Da freuten sich in tausend Spiegeln tausend Hunde und wedelten auch alle mit dem Schwanz! Der Hund dachte sich: Die Welt ist voller glücklicher und zufriedener Hunde. Und von nun an kam er jeden Tag in den Tempel der tausend Spiegel.

 

Am gleichen Nachmittag kam noch ein anderer Hund zum Tempel der tausend Spiegel. Auch er lief die Treppen hinauf, öffnete das Tor und trat ein: Da sahen ihm aus tausend Spiegeln tausend Hunde entgegen. Der Hund bekam grosse Angst und knurrte und zog seinen Schweif ein. Da knurrten aus tausend Spiegeln tausend Hunde und zogen auch alle ihren Schweif ein. Der Hund meinte: Die Welt ist voller böser, knurrender Hunde. Und er ging niemals mehr in den Tempel der tausend Spiegel.

 

 Aus: M. Arnold, 3-Minuten-Märchen aus aller Welt, Köln 2001.


Eine ganz kurze Weisheitsgeschichte aus Indien diesen Monat.

Und ja, es spielt eine grosse Rolle aus welchem Sichtwinkel wir die Dinge betrachten. Ist dein Glas halb voll oder halb leer?

 

Diese Geschichte eignet sich bestimmt dazu:

- gewisse Situationen bewusst aus einem anderne Blickwinkel zu betrachten

- Grimassen im Spiegel zu schneiden oder sich selbst anzulächeln

- Einem Tierheim seine Unterstützung anbieten und z.B. mit Hunden spazieren zu gehen.

 

 

MärchenKoffer Nicole Krähenmann  | 8635 Dürnten ZH | brief@maerchenkoffer.ch