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Juan Holgado und Frau Tod (Andalusien)

Es gab einmal einen Mann, der hiess Juan Holgado. Er war arm und besass Morgens und Abends nur drei Pfennige Hunger und drei Pfennige Mangel.

 

Eines Tages sagte Juan Holgado zu seiner Frau: "Unsere Kinder sind eine Rotte Fressmäuler, und im Stande, das Brot samt dem Ofen, der es bäckt, zu verschlingen. Ich möchte wohl einmal einen Hasen essen, aber ohne diese Raubvögel, die mir den Bissen aus dem Munde nehmen."

Seine Frau, die herzensgut war, verkaufte ein Dutzend Eier, die ihre Hühner gelegt hatten, und kaufte einen Hasen, bereitete ihn zu, und sagte am andern Morgen zu ihrem Manne: "Dort im Topfe steht ein Hase für dich und daneben liegt Brot: gehe auf's Feld, verzehre ihn und lass ihn dir gut bekommen." Juan Holgado war nicht taub, er nahm den Topf und das Brot und begab sich damit fort.

Nachdem er anderthalb Meilen gegangen war, setzte er sich unter einem Olivenbaum zufriedener als ein König nieder, befahl sich der heiligen Jungfrau der Einsamkeit und begann sein Mittagsmahl. - Doch ohne zu wissen, wie und woher sie gekommen, stand plötzlich eine alte Frau mit schwarzem Kleide und so hässlich wie ein falscher Schwur vor ihm und setzte sich ihm gegenüber hin. Sie war so gelb und trocken wie ein Pergament von Simancas; die Augen lagen ihr tief im Kopf und waren erloschen wie eine Nachtlampe, der es an Öl fehlt; der Mund war gross wie eine Tasche, und was die Nase anbetrifft, hatte sie gar keine, selbst keine Spur davon.

Dieser ungerufene Gast kam Juan Holgado nicht im Geringsten angenehm, aber er konnte die Gesellschaft nun nicht vermeiden und da er kein Grobian war, so fragte er, ob sie an seiner Mahlzeit teilnehmen wolle. Die Alte, die nichts sehnlicher wünschte, antwortete, um nicht unhöflich und undankbar zu sein, nehme sie seine Einladung an, und fing an zu essen. Meine Herren! Das war aber kein Essen, sondern ein Schlingen, denn eins, zwei, drei, sass ihr der ganze Hase zwischen Rücken und Brust.

Wäre es nicht viel besser gewesen, dachte seufzend Juan Holgado, dass ich den Hasen ruhig zu Hause mit Weib und Kindern verzehrt hätte und nicht die Teufelsalte?

Als die Alte fertig war und selbst den Schwanz vom Hasen verschlungen hatte, sagte sie: "Juan Holgado, dein Hase hat mir sehr gut geschmeckt."

"Das hab' ich wohl gemerkt!" antwortete Juan Holgado.

"Ich will dir deine Artigkeit vergelten."

"Lebt tausend Jahre," antwortete trocken Juan Holgado.

"Das werd' ich wohl," erwiederte die Alte, "denn du musst wissen, dass ich der Tod in eigener Person bin."

Juan Holgado fuhr zusammen, als wenn vor seinen Ohren ein Kanonenschuss abgeschossen worden wäre.

"Erschrecke nicht," fuhr die Alte fort, "ich werde dich nicht mitnehmen. Um dir aber deine Aufmerksamkeit zu vergelten, will ich dir einen Rat geben. Werde Arzt, und ich werde dafür sorgen, dass es bald keinen andern geben wird, der mehr Ruhm und Geld gewinnen soll als du."

"Gnädige Frau Tod, ich bin schon ganz zufrieden und werde es Ihnen danken, wenn Sie sich meiner recht lange nicht erinnern. Was das Arztwerden betrifft, so passt das nicht für mich."

"Warum denn nicht?"

"Weil ich keine feinen Studien gemacht habe."

"Das tut nichts."

"Ich weiss weder Griechisch, noch Latein."

"Ganz gleich."

"Gnädige Frau, ich kann ja nicht einmal schreiben, weil mir der Puls zittert, und auch nicht lesen, weil mir das Schwarze auf dem Papier im Wege ist."

"Noch Eins!" rief die Frau Tod, welche über alle diese Bedenklichkeiten ärgerlich wurde. "Potztausend, Juan Holgado, dein Kopf ist wirklich bombenfest; hörst du denn nicht, dass ich dir sage, das tue alles nichts? Ich sage dir, dass ich mir gar nichts aus der Gelehrsamkeit der Doktoren mache. Ich komme und gehe nicht nach ihrem Willen, sondern nach meinem; und ganz wie und wann es mir beliebt, kriege ich einen von euch beim Ohr und nehme ihn mit, ohne mich um die Doktoren zu kümmern. Als die Welt bevölkert wurde, gab es noch keine Doktoren und deshalb ging auch damals alles schnell und gut; seitdem aber die Ärzte erfunden sind, sind keine Methusalems mehr vorhanden. Du sollst Arzt sein, auf meine Ehre, und wenn du dich weigerst, so nehme ich dich mit, so wahr zwei und drei fünf sind. - Nun schweige und höre mich an: Du sollst in deinem Leben dem Kranken nichts anderes als klares Brunnenwasser verschreiben, hast du gehört?"

"Ja, ich hör' es," antwortete Juan Holgado, der so ärgerlich auf die Frau Tod war, dass er ihr lieber eine Ohrfeige gegeben, als sie noch weiter angehört hätte.

"Wenn du in's Zimmer des Kranken trittst und mich am Kopfende des Bettes sitzen siehst, so sage nur bestimmt heraus, dass er stirbt und dass er sich dazu vorbereite. Siehst du mich aber nicht da, so versichere, der Kranke werde wieder gesund, und verschreibe ihm Wasser." Bei den letzten Worten verbeugte sich die hässliche Dame und machte sich auf den Weg.

"Gute Frau," rief ihr Juan Holgado nach, "ich möchte mich nicht von Euch mit dem gewöhnlichen 'Auf Wiedersehen' verabschieden und hoffe, dass Eure Gnaden auch nicht den Wunsch hegen, mich wieder zu besuchen, denn ich habe nicht immer Hasen, um Sie zu bewirten."

"Mach' dir keine Sorge, Juan Holgado," - antwortete die Alte; "so lange du nicht dein Haus zusammenfallen siehst, werde ich nicht zu dir kommen."

Juan Holgado kehrte nach Hause zurück und erzählte seiner Frau alles, was ihm begegnet war. Seine Frau, die klüger war als er, meinte, dass er nur alles, was ihm die Frau Tod gesagt, glauben könnte, denn nichts sei auf der Welt wahrhafter und zuverlässiger als der Tod. Darauf ging sie im ganzen Dorfe herum und kündigte an, dass ihr Mann der beste Arzt unter den Sternen sei, dergestalt, dass er gleich auf den ersten Blick erkenne, ob der Kranke leben oder sterben werde.

Eines Nachmittags stand eine Menge junger Mädchen vor der Tür eines Hauses, als Juan Holgado vorüberging.

"Seht doch Juan Holgado," sagte eine von ihnen, "der sich auf einmal noch in seinem Alter vor uns für einen Arzt ausgeben will!"

"Er ist wohl verrückt oder will uns zum Besten haben."

"Hat sich der Narr eingebildet, dass er nur eine Sache zu sagen braucht, damit man sie glaube? Es ist pure Eitelkeit, er will, dass man ihn Don nenne und der Don passt ihm, wie dem Esel der Dreimaster."

"Wir wollen doch diesen aufgeblasenen Narren einmal anführen," sagte wieder eine andere; "ich stelle mich krank, und was gilt's, er glaubt es?"

Gesagt, getan. Sie liessen einen grossen Korb Kaktusfeigen, davon sie gegessen hatten, vor der Tür stehen und im Nu lag die, die den Spass ausgedacht hatte, im Bett und stöhnte Ach und Weh, dass es bis zum Himmel scholl.

Die andern unterdrückten das Lachen und liefen schnell zu Juan Holgado, um ihn herbeizuholen. Er folgte ihnen sogleich und bemerkte vor dem Hause die grosse Menge von Kaktusschalen. Im Zimmer der Kranken war das Erste, was sich seinen Augen darbot, die Frau Tod, die ganz ernst am Bett des Mädchens sass.

"Die Kranke ist sehr schwach," sagte Juan Holgado, "und stirbt."

"Was hat sie denn?" fragten die andern Mädchen, die sich des Lachens nicht enthalten konnten.

"Sie hat," erwiederte Juan Holgado, "zu viele Kaktusfeigen gegessen, die sie nun nicht verdauen kann und wovon sie keinem mehr etwas erzählen wird."

Zwei Stunden darauf stand das Mädchen vor Gott. - Nun mögt Ihr euch selbst vorstellen, meine Herren, welchen Ruf dieses Ereigniss dem Juan Holgado gab! Es gab bald in der ganzen Gegend keinen Kranken und keine ärztliche Konsultation mehr, dazu man nicht Juan Holgado berufen, und so gewann er so viel Geld, dass er gar nicht wusste, was er damit anfangen sollte. Er kaufte seinen Söhnen Sterne, die man vorn, und Schlüssel, die man hinten trägt. Was ihn aber selbst anlangte, wollte er nicht solchen Flitter, sondern strebte mehr nach einem behäbigen Leben. So kam es, dass er so dick wurde und so gut aussah, dass es ein wahres Vergnügen war, ihn anzusehen. Sein Gesicht war so rund und voll wie die liebe Sonne, seine Beine wurden wie Säulen und sein Bauch wie die halbe Kirchkuppel. Während dessen pflegte Juan Holgado sehr eifrig sein Haus. Immer hielt er Baumeister, die das Haus in gutem Stande erhalten mussten, eingedenk der Worte der Frau Tod, dass sie ihn nicht besuchen werde, so lange sein Haus nicht baufällig sei.

Doch die Jahre, die je mehr bergunter, desto schneller laufen, brachten nichts Gutes mit sich. Juan Holgado machte ihnen schlechte Miene und um sich zu rächen, nahm ihm nun das eine die Haare, das andere die Mundwerkzeuge, ein drittes bog ihm das Rückgrat krumm, und noch ein anderes schenkte ihm ein lahmes Bein.

Eines Tages ward er bettlägerig und Frau Tod liess ihn durch eine Fledermaus grüssen, was dem Juan Holgado gar nicht scherzhaft vorkam. Eines andern Tages bekam er den Altenhusten und Frau Tod liess ihm durch eine Eule sagen, dass sie ihn bald besuchen werde. Juan Holgado sagte der Eule, sie solle sich fortscheren. Am folgenden Tage hatte er eine Ohnmacht und Frau Tod liess ihm durch das Heulen seines Hundes ankündigen, dass sie schon auf dem Wege sei. Juan Holgado warf im Ärger mit der Krücke nach dem Hunde. Aber was half es. Es wurde immer schlimmer mit ihm und Frau Tod klopfte endlich selbst an die Tür. Schnell liess Juan Holgado die Tür verschliessen und verriegeln, aber Frau Tod huschte durch das Schlüsselloch und nun war sie da.

"Frau Tod," sagte Juan Holgado mit einem sauren Gesicht, "habt Ihr mir nicht gesagt, dass Ihr nicht kommen würdet, so lange mein Haus nicht baufällig würde? Ich habe deshalb Euch trotz Eurer Boten nicht erwartet."

"Ei was," antwortete Frau Tod, "hast du nicht deine Kräfte verloren, sind dir nicht Zähne und Haare ausgefallen? Dein Körper ist dein Haus."

"Das wusste ich nicht," sagte der Kranke, "und deshalb macht mich Eure Ankunft bestürzt."

"Desto schlimmer für dich, Juan Holgado," - entgegnete Frau Tod, "denn derjenige, der immer vorbereitet ist, erschrickt nicht, wenn ich komme. Aber Ihr Lebenden seid blind, wenn Ihr nicht einseht, dass Ihr geboren werdet, um zu leiden, und sterbt, um zu ruhen."

 

Quelle: E. Caballero, Spanische Volkslieder und Volksreime, übersetzt von W. Hosäus, Paderborn 1862.


Was für ein nachdenklich stimmendes Märchen aus Spanien. Juan Holgado, der viel Zeit seines Lebens damit verbringt, Frau Tod ins Gesicht zu blicken, ist dennoch überrascht, als seine Zeit gekommen ist. Sicher ein Thema, das auch auf die heutige Gellschaft passt. Wird der Tod (der eigene wie auch jener von anderen) doch immer mehr beiseite geschoben und verdrängt. Dabei lässt es sich eigentlich ja so viel intensiver leben, wenn wir uns bewusst sind, dass Frau Tod uns jede Sekunde unseres Lebens eng begleitet.

 

Diese Geschichte eignet sich sicher dazu:

- über den Tod zu sprechen

- ev. Formalitäten (Patientenverfügung etc.) vorzubereiten

- ein Dankbarkeitsritual zu machen oder ein Dankbarkeitstagebuch zu führen

- das Leben so richtig mit allen Liebsten zu feiern und zu zelebrieren

 

 

MärchenKoffer Nicole Krähenmann  | 8635 Dürnten ZH | brief@maerchenkoffer.ch